PostHeaderIcon Eine versteckte Botschaft

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Mir war, als würde ich eine Promenade entlang schreiten. Wobei schreiten nicht das richtige Wort ist. Stapfen wäre wohl besser. Denn Eis und Schnee hielten Straßen und Wege fest im Griff. Und doch war es mir, als würde ich auf das gläserne Portal zuschreiten. Ein plattgestampfter Schneepfad führte auf direktem Weg zum Eingang. Der mächtige Baum zur Linken ruhte noch im Winterschlaf. Eine Drehtür führte mich in einen Glaskubus, und sogleich stand ich auf einem roten Teppich der mich still aufforderte, weiter zugehen. Die Welt der Kunst hatte mich umfangen.

Hier seien sie zu betrachten, so hatte es geheißen, die Bilder die ich so gut kannte. Fasziniert hatte ich sie mir angesehen in Büchern und im Internet. Und auch sonst waren mir die Bilder von Maurits Cornelis Escher immer wieder aufgefallen. Doch nie hatte ich sie im Original gesehen und hier sollten sie jetzt hängen. Eine Eintrittskarte, rasch erworben, erlaubte sie zu sehen. Meine Winterjacke ließ ich in der Garderobe.
Ich verließ den Eingangsbereich aus Glas und grauem Beton und wechselte das Ambiente. Jetzt trennte mich nur noch eine Sicherheitstür und natürlich der aufmerksame Blick des Museumswärters der meine Eintrittskarte kontrollierte.

Ich durchschritt die Automatiktür und kam in den ersten Saal. Die erhofften Bilder vom niederländischen Meister waren nicht zu sehen. Stattdessen stand ich auf Stäbchenparkett im Würfelmuster und betrachtete Glaskunstobjekte. Sie fingen das Licht und spiegelten es in den Raum. Lichtkleckse überall. Seidenmatt glänzte der Holzboden. Kleine Zerrspiegel, zu großen Spiegelwänden zusammengefasst, zeigten die Betrachter in einer bizarren Welt. Ich blickte zum Fenster. Es schneite jetzt feine Körnchen. Sie rieselten herab. Ich hörte wie es leise an den Scheiben knisterte.

Meine Wanderung führte mich weiter. Weg von der Glaskunst und zu einem anderen Saal. Im Durchgang blieb ich stehen. Es war ein langgestreckter Saal. Mittig stand eine Bank mit Lederbezug. Sie hat keine Lehne. An den Wänden die ersehnten Kunstwerke. Im gleichmäßigen Abstand hingen die weltbekannten grafischen Motive. Die Besucher gingen von Bild zu Bild. Sie blieben stehen, schauten, lasen das kleine Schild, betrachteten genauer und gingen weiter. Ein Husten verklang im Saal und mir kam der Gnom aus Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung« in den Sinn. Schnell schaute ich mich um. Doch ich entdeckte ihn nicht. Er war wahrscheinlich mit den leisen Stimmen und den unverständlichen Worten hinaus gehuscht. Ich reihte mich ein und wanderte mit von Bild zu Bild und hörte Mussorgskys »Promenade« in meinem Kopf.

Alle Bilder beschäftigten sich mit grafischen Veränderungen. Man könnte sagen, dass in diesem Saal die Metamorphose zu Hause war. Schwäne wurden zu Kröten, Bienen zu Schachbrettern, Tagmenschen zu Nachtmenschen während sie im Kreis gingen. In der Überschneidung wurden sie zum Equinox, um dann erneut zu erstehen. Zweidimensionale Echsen wurden dreidimensional. Sie krochen aus einem Bild, kletterten einen Bücherstapel hinauf und hinab, um wieder zur gezeichneten Echse auf dem Papier zu werden. Ein Kreislauf der Absurdität.

Doch bei all der grafische Vielfalt der Bilder, eines stach heraus. Es hing mittig an der Langseite und war nicht viereckig sondern sechseckig. Dieses Bild zeigte die Elemente Erde, Licht/Luft und Wasser bei Tag und bei Nacht. Die Elemente vereinigten sich im gemeinsamen Nenner. Er steht im Mittelpunkt und heißt VERBUM.

Es war, als hätte mich ein Blitz getroffen. Ich ging zur Raummitte und setzte mich auf die rückenlose Bank. Aus der Entfernung schaute ich auf das Bild. Mussorgsky war verstummt. Verbum hatte sich still in mein Bewusstsein gedrängt. Nichts war mehr, wie es war.

Verbum – das Wort, der Ausdruck, die Äußerung, das Verb, die Rede. Verbum – der zentrale Begriff der Kommunikation.

Dem denkenden Individuum ist es möglich, mittels Worte, gesprochen oder geschrieben, sich zu verständigen. Egal welche Sprache verwendet wird. Worte sind dauerhaft. Mit ihnen kann alles beschrieben werden. Was noch unbekannt ist, dass wird vom Menschen benannt. Er wird den Dingen einen Namen geben. Der Wortschatz ist unendlich.

Verbum – Erde, Licht, Luft, Feuer, Wasser, Tag und Nacht, Flora und Fauna – der Mensch als denkend Handelnder.

Maurits Cornelis Escher, der niederländische Grafiker, war also nicht nur ein Künstler, sondern auch ein Philosoph. Eine seiner Botschaften findet sich versteckt im sechseckigen Bild. Es ist nicht nur eine Darstellung des Wandels von Frosch zum Vogel zum Fisch bei Tag und bei Nacht. Nein, dieses Bild ist mehr. Es ist Verbum, es ist das Wort. Das Wort als beschreibendes Mittel allen Handelns, allen Tuns.

Ich ging weiter durch die Ausstellung, kam zur oberen Etage und betrachtete Bild um Bild. Sah die bildhafte Aufhebung der physikalischen Gesetze und lächelte. Eschers Botschaft steckte in jedem Bild. Menschen standen staunend davor und redeten miteinander. Kunst ist Kommunikation. Möglich durch Worte. Escher hatte es verstanden, eine Botschaft deutlich zu machen. Er versteckte eine Wahrheit in seinen Bildern.

Die Ausstellung war für mich zu Ende. Ich hatte sie verstanden. Escher ist nicht der Künstler, der metamorphische Grafiken und physikalische Absurditäten darstellt, sondern er ist ein Philosoph. Durch seine Bilder spricht er auch heute noch zu uns.

Ich holte meine Winterjacke und verließ das Kunstquartier. Die kalte Luft, der Schnee und die reale Welt hatten mich wieder.

aw/03-2010