PostHeaderIcon Die Kephalophoren

Benutzerbewertung: / 18
SchwachPerfekt 

»Gertrud?«
»Ja Manfred.«
»In der Tageszeitung hat unser Kolumnist ,Aug+Ohr‘ wieder eine ganz herrliche Glosse geschrieben. Die solltest du unbedingt lesen.«
»Das kann ich jetzt nicht. Ich bin noch dabei, das Frühstück zu machen.«
»Ich sag ja auch nicht, dass du das sofort lesen sollst. Vielleicht später. Aber lesen solltest du den Artikel auf jeden Fall.«
»Wenn der so interessant ist, warum liest du ihn mir nicht einfach vor. Ich mache derweil weiter. Übrigens, der Kaffee ist schon fertig. Möchtest du eine Tasse vorab?«
»Also bitte Gertrud, das fragst du mich nun jeden Tag. Natürlich möchte ich eine Tasse Kaffee vorab. Was soll denn diese Frage? Stell‘ mir doch einfach die Tasse hierhin und alles ist gut.«
»Wie du meinst. Und was steht jetzt in dieser Glosse von diesem, ähm, wie hieß der noch?«
»Wie der heißt, weiß ich nicht, aber er schreibt jede Woche eine Kolumne unter seinem Pseudonym ,Aug+Ohr‘.«
»Worum geht es?«
»Um die Fußball WM.«
»Auch das noch. Ich kann das ganze Theater nicht mehr sehen und hören.«
»Das kann man so und so sehen. Aber ,Aug+Ohr‘ hat eine andere Sicht dargestellt und die liest sich ganz witzig.«
»Na, dann lese es doch einfach vor. Mit dem Frühstück bin ich gleich so weit.«
»Also gut. Die Überschrift lautet.«
Ich habe sie gesehen, die Kephalophoren.

»Die was?«
»Die Kephalophoren«, und jetzt sei ruhig. Ich lese dir das vor. Der Begriff wird noch erklärt. Also ,Aug+Ohr‘ schreibt:

Ich habe sie gesehen, die Kephalophoren.
Mensch Menschen, war das warm! Richtig nett und muckelig. Dabei hatten so seltsame Freunde von Karten mit Wolken drauf, einen langersehnten, so unbedingt notwendigen Regen angekündigt, der sich letztendlich aber dann als mieses Tröpfeln einer prostatakranken Wolke entpuppte. Also da war ich jetzt wirklich enttäuscht.
Wie hätte ich mich gefreut, wenn der Himmel schwarz wie die Nacht geworden wäre, es KAWUMM gemacht und Blitze die Menschen hätte glauben lassen, der Himmel wäre ihnen auf den Kopf gefallen. Entschuldigung lieber Uderzo, aber dieses Zitat musste ich deinem Majestix einmal entleihen.
Wenn es geschüttet hätte, so dass statt Straßen Flüsse durch die Orte geflossen und die Vorgärten weggeschwommen wären, die Hausbewohner die unnütze Zeit des Fußballspielschauens mit dem Kellerleerscheppen verbracht und Überreichweiten den Satellitenempfang unmöglich gemacht hätten. Ja, das wäre es gewesen. Aber nein, auf mich hört ja keiner.
Stattdessen sitzen sie vor den Glotzen oder stehen sich an öffentlichen Plätzen die Füße platt. Die Luftzufächelnden schauen in die hinterste Ecke der Südhalbkugel. Was für eine verdrehte Welt. Hier in Deutschland hatten wir bis Mitte Mai den tiefsten Winter. Der Spargel gefror im Boden und konnte anschließend direkt in die Truhe. Dann endlich, wenn auch langsam, kam die Sonne und taute Deutschland auf. Kaum waren die Sonnenschirme auf den Terrassen, begannen die Menschen an zu stöhnen und was tun sie? Sie schauen nach Südafrika, dorthin wo tiefster Winter herrscht. Sie verstecken ihre Sehnsucht nach Kälte hinter der Fassade der Begeisterung. Da wird selbst der ödeste Nichtsportler plötzlich zu einem Fan, der alles besser weiß, alles kommentieren kann und am Lautesten die Tröte schwingt. Ich weiß wovon ich spreche, ich habe sie gehört. Bis tief in die Nacht hinein.
Ich werde das wohl nie verstehen. Alle vier Jahre verwandeln sich ganz normale Menschen in Kephalophoren, in Kopflose. Sie mutieren förmlich. Ihre Uhren ticken anders. Ihre Kleidung verändert sich. Ihre Haarpracht wird zum bunten Schnitt und selbst Männer schminken sich die Gesichter. Wobei bei ihnen die Ungeübtheit deutlich wird. Ihr angemalter Teint ist dreifarbig streifig.
Vier Wochen dauert dieser Tanz um das goldenen Kalb. Die Fußballfangemeinschaft wächst seltsamerweise um ein Vielfaches an. Plötzlich kommen sie aus allen Ecken gekrochen. Auch all die, die sonst vom Fußball nichts oder nur sehr wenig wissen wollen. Da stehen Menschen Schulter an Schulter, vereint im Geiste des Balls. Menschen, die sich sonst niemals anschauen würden, geschweige denn treffen. Und dann, kaum ist das Urteil gesprochen oder besser, ein Ball im falschen Tor gelandet, bricht alles zusammen und keiner bemerkt, dass das doch alles nur ein Spiel ist, um dem Volk mal etwas anderes zu bieten. Oh schnöde Welt, welch häßlichem Mammon läufst du nach?
Aber als Rufer vom einsamen Acker, darf ich den Finger heben. Ich frage mich ernsthaft. Warum hält diese Deutsch-Euphorie, dieser Patos, der Tanz, nur während eines solchen Ereignisses an? Merkt denn keiner, dass das alles nur eine künstliche Welt ist? Eine Welt in der einzig und allein die FiFa den wirklich großen Reibach macht. Die Spieler selbst sind doch nur Marionetten. Es sind Berufskicker, Ballspieler die dafür, dass sie pünktlich den Ball dribbeln oder passieren, viel Geld bekommen. Es sind Prostitutierte, die sich für Geld zur Schau stellen.
Wenn aber jeder plötzliche Fan seine Deutschland-Begeisterung weiter tragen und sich selbst einbringen würde in z.B. Kindergärten, in Früherziehung, in Schulen, in Bildung, in Integration und nicht wie üblich sagen würde: »Ja was soll ich denn schon machen, dafür sind andere zuständig.«
Wenn er nicht die typisch deutsche Menthalität raushängen lassen würde, »Brot für die Welt, Torte für mich«. Wenn all die jetzt »Deutschland Deutschland Rufenden«, auch über den Tanz hinaus signalisieren würden: Ja wir sind weiter für Deutschland. Dann gäbe es mehr Zusammenhalt und die vielen Probleme, die auf uns Deutschen lasten, würde stetig weniger. Aber, dass wird nicht geschehen.
Das Kalb wird eingemottet und in vier Jahren wieder poliert. Dann beginnt der Tanz von Neuem und keiner hat gemerkt, dass das alte römische Gesetz »Brot und Spiele, das Volk muss bei Laune gehalten werden«, immer noch gilt. Wie schade, dass wir nicht lernen.
Um nun den vielen Unken im Vorfeld die Luft zu nehmen, bitte ich zu beachten, dass ich nicht meine, wir sollten ab und an die Sau rauslassen. Nein, ganz im Gegenteil. Aber so ein Spruch wie »Wir werden Weltmeister« oder noch schlimmer »Wir sind Weltmeister« (ähnlich wie »wir sind Papst«), der muss einem doch auf den Keks gehen.
O.k. o.k., wir wären dann Weltmeister. Aber worin? Im Fußball! Hör sich das einer an. In einer Sportart; Ha, was für eine Stärke für ein Land! Dabei gehören wir zu den schlechtesten bei PISA, haben viel zu viele Arbeitslose und unser EURO geht durch die zuvor genannte Einstellung den Bach runter. Wir wären Weltmeister und wir blieben Weltmeister, wenn wir alle selbst mit anpacken würden. Stattdessen schwingen wir alle vier Jahre lieber die Tröte und fahren bunt geschminkt im Autokorso.
Nein, diesen Tanz KANN ich nicht mitmachen. Diesen Tanz WILL ich nicht mitmachen. Den schaue ich mir lieber vom Acker aus an und grabe weiter meine Furchen. Vielleicht habe ich Glück und die wenigen Tropfen der kranken Wolke, lassen meine Gedanken aufgehen.
Soviel dazu, Euer Aug+Ohr«


»Manfred, kommst du? Das Frühstück ist fertig.«
»Ja Gertrud, ich bin gleich da. Hast du zugehört? Wie fandest du diesen Artikel?«
»Ich habe zwar nicht alles mitbekommen. Aber das was ich gehört habe, klang gut. Ich finde, er hat recht. Das ist ein richtig guter Vorschlag.«
»Wie, was? Was denn für ein Vorschlag?«
»Na, dass wir alle mehr für unser Land tun sollten.«
»Na, ich weiß nicht. Den Fußball abschaffen. Wo kämen wir denn da hin?«
»Nicht abschaffen, aber mal nachdenken und nicht bloß die Tröte blasen.«
»Also Gertrud, jetzt gehst du aber zu weit.«
»Nein, denk nur einmal darüber nach.«
»Ja aber ...«
»Nein, kein aber, und jetzt wird gefrühstückt. Soll ich dir ein Brötchen aufschneiden?«

aw/07-2010