Elende Maskerade
Es war vorbei. Endlich war es vorbei und doch war es nicht vorbei. Wieder einmal hatte er nicht den Mut gehabt. Dabei hatte er es sich so fest vorgenommen, ihnen endlich die Wahrheit über seinen Zustand zu sagen.
Er lächelte und hob winkend die Hand. Seine Vater war bereits eingestiegen, doch seine Mutter hatte sich noch einmal umgedreht und zu ihm hinauf geschaut. Sie sah so zufrieden, so glücklich aus und die Bestie in ihm brüllte lauter denn je. Er schaute dem Taxi hinterher, bis es im Nebel verschwand. Dann lief er, wie ein wildes Tier, in seiner Wohnung hin und her. Vom Wohnzimmer zur Küche, durch den Flur zum Schlafzimmer. Er musste sich umziehen, dringend. Raus aus den schicken Designerklamotten, raus aus den Lederschuhen und hinein in die ausgebeulte Klunterhose und in den Pullover mit dem überweiten Ausschnitt. Barfuss, ohne jedwede Einengung an den Füßen, lief er zum Badezimmer. Dort löste er das Haarband mit dem er seine Lockenpracht ordentlich zu einem männlichen Zopf zusammengebunden hatte. Er schüttelte den Kopf und fuhr solange mit gespreizten Fingern durch die Haare, bis sie aufgelockert vom Kopf abstanden. Jetzt wo der adrette Sohn wieder im Schrank war und er seine Wohlfühlklamotten trug, er sich so geben konnte wie er wirklich war, legte sich auch die Bestie in ihm und begann ruhig zu schnurren.
Nach einer Weile klopfte es an der Tür. Phil, sein Teamkollege vom Express, war pünktlich.
»Schön, dass du da bist.«
»Wieso? Wir hatten das doch so vereinbart. Es war dein Vorschlag gewesen, dass morgige Interview mit dem Oberbürgermeister vorab durchzusprechen.«
»Ja ja, ist schon gut. Ich bin nur gerade schlecht drauf.«
»Was ist denn los? Sollen wir unsere Vorplanung auf Morgenvormittag verschieben?«
»Nein, es ist besser wir machen das jetzt. Dann komme ich auch auf andere Gedanken. Komm erst einmal rein.«
Der Teamkollege betrat die Wohnung und blieb im Türrahmen des Wohnzimmers verblüfft stehen. Er schaute sich um.
»Oh Mann, was ist denn hier passiert. Du hast ja aufgeräumt. Alles sieht so ordentlich aus. Deine Bücher stehen sauber aufgereiht im Regal. Es liegen keine Klamotten herum und es steht eine Menorah auf dem Fensterbrett. Du bist krank, oder ...?«
»Nein, ich hatte Besuch.«
»Das muss aber jemand besonderes gewesen sein.«
»Nein, nur meine Eltern.«
»Oh! Und wie war es?«
»Es ging so. Es war nett.«
»Soso, es war nett. Hast du es ihnen wenigstens gesagt?«
»Nein.«
»Warum denn nicht?«
»Ich konnte nicht.«
»Mensch Sam, warum drückst du dich davor. Du machst es dir nur schwerer als es ohnehin schon ist. Warum quälst du dich so?«
»Ach Phil, so einfach ist das nicht. Bei dir ist das etwas ganz anderes. Du hast keine Vorurteile und auf dich kann ich mich verlassen. Du bist ein Freund. Nicht nur mein Teamkollege, sondern auch ein sehr verständiger Mensch. Immer warst du da, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Du warst es auch, der die Kontakte herstellte. Kontakte zu Menschen denen es ähnlich geht, die ähnlich fühlen und die auch den weiteren Schritt schon gegangen sind. Und es tut gut, diese Kontakte zu haben. Ich wusste ja gar nicht wie viele Menschen, Männer und Frauen, mit einer solchen Maske leben. Wie sehr sie sich verstellen müssen, um in der vorurteilbehafteten Gesellschaft überhaupt zurecht zu kommen. Aber mit meinen Eltern ist das etwas völlig anderes. Sie kennen den Sam nicht, den du kennst. Sie kennen nur ihren Sohn Samuel. Der, der umsorgt in einer wohlbehüteten Umgebung aufgewachsen ist. In einem Dorf, wo jeder jeden kennt und der in eine Schule gegangen ist, in der auch alle anderen gegangen sind. Für meine Eltern wird eine Welt zusammenbrechen. Mein Vater und meine Mutter werden sich nicht mehr aus dem Haus trauen, weil sie nicht wissen wie sie das erklären sollen, wie sie damit umgehen sollen. Schließlich bin ich Fleisch ihres Fleisches und sie kennen den Spruch: Von nichts kommt auch nichts. Da ich aber bin, kommt es auch irgendwo her. Nur in meiner Familie gab es bislang niemanden wie mich. Sie werden glauben, dass es an ihnen liegt und damit werden sie nicht klar kommen. Wenn ich das überleben will, muss ich wohlüberlegt handeln. Phil, versteh mich doch.«
Er sah seinen Teamkollegen flehend an, lief zum Sessel und setzte sich so, dass sein linker Fuß unter seinem Gesäß verschwand. Der Kollege setzte sich in die Sofaecke.
»Das versuche ich ja auch die ganze Zeit. Nur du musst auch verstehen, dass ab einem gewissen Zeitpunkt die Eltern nicht mehr für dich verantwortlich sind und du auch nicht für sie. Sicher werdet ihr immer für einander da sein. Aber das ist etwas anders. Nur jetzt, gerade jetzt, musst du an dich denken. Das klingt vielleicht ein wenig egoistisch. Aber so ist es nun einmal.«
»Ja, du hast ja auch recht. Trotzdem ist es schwierig.«
»Und das wird es immer bleiben. Meinst du denn das Gespräch mit deinen Eltern würde einfacher wenn du erst den zweiten Schritt gegangen bist? Nein, mein Freund, dass ganz sicher nicht.«
»Ja ja, das stimmt schon. Ich weiß ja, dass ich es tun muss bevor ich den zweiten Schritt gehe. Es ist nur, dass ich nicht weiß, wie ich es ihnen sagen soll.«
»Das glaube ich dir gerne. Dafür gibt es auch kein Patentrezept. Aber so wie ich es sehe, wie ich deinen Zustand einschätze, wird es verdammt Zeit. Du gehst mir kaputt an deinen inneren Zwiespalt und das möchte ich nicht.«
»Danke, dass du da bist. Deine Worte tun mir gut. Es ist schön, dich zum Freund zu haben.«
»O.k., dann lass uns jetzt etwas anderes machen damit wir, vor allem aber du, auf andere Gedanken kommen. Also wie wollen wir morgen vorgehen?«
»Phil, nur noch kurz bevor wir das Interview besprechen. Ich weiß ja, dass ich kaum noch eine Chance habe weiterhin wegzulaufen. Ich muss mich stellen und ich verspreche dir, hier und jetzt, dass meine Eltern die Nächsten sein werden, die es erfahren. Ich werde zu ihnen fahren und ich werde ihnen Sam zeigen und sie werden nicht Samuel zusehen bekommen. Es wird Zeit Samantha freizulassen. Die Frau, die schon so lange in meinem Körper lebt und nun endlich heraus soll. Die Maskerade muss ein Ende haben.«
aw/02-2010


