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Sabubu war ein Kunstwort meiner Eltern. Hinter ihm versteckte sich ein für sie fantastischer Ort. Ein Ort der Ruhe und Entspannung. Dieser Ort lag und eigentlich liegt er dort immer noch, auf einer Insel im Atlantischen Ozean. Er sei schwer zu erreichen und man müsste lange durch unwegsames Gelände fahren, sagten sie. Ein Allradfahrzeug wäre da schon wichtig. Aber auch das reicht nur aus, um in seine Nähe zu kommen. Sabubu erreicht man nur zu Fuß. Das sei gut und richtig, so erzählten sie immer wieder. Sabubu müsse unbedingt von der Masse abgeschieden bleiben.

Ich hörte von diesem Ort zum ersten Mal in meiner Kindheit. Sie sagten, Sabubu sei etwas ganz besonderes und das sie mich von dort mitgebracht hätten.

Damals dachte ich, sie hätten mich gefunden und einfach mitgenommen wie einen schönen Stein, den man auf einer Wanderung gefunden hat. Das es aber ganz anders war, dass erfuhr ich erst viel später. Daher keimte in mir schon sehr früh der Gedanke auf, meinen Entstehungsort einmal zu besuchen. Aber meine Eltern verrieten mir den Weg nach Sabubu nicht. Sie sprachen ohnehin nicht sehr oft von Sabubu, doch an den Tagen an denen sie darüber sprachen, wurde ich recht früh ins Bett geschickt. Das war mir aufgefallen und ich lag jedes Mal mit geballter Faust im Bett und war wütend auf Sabubu.

Es vergingen die Jahre und Sabubu wurde für mich uninteressant. Ich beendete meine Schule und begann mein Studium. Zum studieren musste ich in eine fremde Stadt ziehen. Fernab der liebevollen Hand von Mama und Papa lernte ich mein Leben selbst zu meistern und auch Claudia kennen. Im Frühjahr, kurz vor den abschließenden Klausuren, verstarb meine Mutter und im gleichen Jahr im Herbst mein Vater. Gemeinsam mit Claudia löste ich den Hausstand meiner Eltern auf. Alle Gegenstände und Möbel waren Verbindungsstücke zu Erinnerungen. Sich von ihnen zu trennen bedeutete die Verbindung zu den Erinnerungen zu lösen. Das fiel mir sehr schwer.

Im Wohnzimmerschrank fand ich die alten Fotoalben. Die mit den Bilder verbundenen Geschichten kannte ich alle. Wenngleich ich sie schon sehr oft gehört hatte, waren sie doch immer wieder schön gewesen. So war ich es dieses Mal, der die Geschichten erzählte und meine Freundin Claudia zur Zuhörerin machte.

Ein Album, es lag versteckt ganz hinten, kannte ich jedoch nicht. Es war Grün und hatte eine Lederschnalle. Vorsichtig öffnete ich dieses Album und las »Sabubu« auf der ersten Seite. Plötzlich öffnete sich eine Schublade mit alten Gedanken in meinem Kopf und es war, als würden meine Eltern neben mir stehen, um mir von diesem Ort zu erzählen. Ich war nie dort gewesen und so wuchs meine Neugierde von Seite zu Seite.

Claudia und ich betrachteten die Bilder, die ohne Beschriftungen waren. Sie zeigten abwechselnd meine Mutter und meinen Vater an einem Strand. Sie waren beide nackt. Ich war irritiert. Ich hatte meine Eltern nie nackt gesehen und schon gar nicht auf Bildern. Sie tobten und lachten ausgelassen. Die Bilder zeigten eine Bucht, die durch eine hohe Felswand abgegrenzt war. Palmen standen an einer Seite und bildeten einen kleinen Hain. Ein Foto zeigte meinen Vater, der mit einer Schaufel eine Grube aushob und den Sand ringförmig aufschichtete. Er baute eine Sandburg. Meine Mutter hatte ihn wohl fotografiert. Der Sand flog feinpudrig durch die Luft. Ein anderes Foto zeigte meine Mutter, die am flachen Strandufer lag und sich von den seichten Wellen umspülen ließ. Ihre nackte Haut war über und über mit nassem Sand bedeckt. Plötzlich wurde mir klar was Sabubu bedeutete: »Sand-Burg-Bucht, Sabubu«.

»Das also ist die Bedeutung,« murmelte ich vor mich hin.

Claudia schaute mich verblüfft an. »Was meinst du?,« fragte sie.

»Ach, das ist eine sehr lange Geschichte,« sagte ich, »meine Eltern waren vor meiner Geburt sehr häufig an diesem Ort. Ich weiß nicht wo er liegt. Sie haben es nie erzählt.«

»Das klingt aber geheimnisvoll,« sagte Claudia, »ich habe den Eindruck, dass du diesen Ort gerne aufsuchen möchtest.«

»Eigentlich schon,« antwortete ich, »das möchte ich seit meiner Kindheit. Das einzige, was ich darüber weiß ist, dass diese Bucht wohl auf einer Insel im Atlantischen Ozean liegt. Aber welche Insel, dass weiß ich wiederum nicht.«

»Dann sollten wir sie suchen,« sagte Claudia, »so schwer kann das nicht sein. Deine Eltern haben sicher noch alte Reisebuchungen und wenn nicht, dann suchen wir per Satellitenprogramm im Internet. So viele Inseln im Atlantik mit einsamen Buchten und Felsküsten gibt es sicher nicht.«

Das Sabubu auf einer Insel lag, dass wusste ich. Damit konnte Sabubu einfach alles auf allen Inseln sein. Nun aber hatte ich erfahren, dass ich nach einer Bucht suchen musste. Ich war also auf meiner Suche nach diesem wunderbaren Ort ein gutes Stück weiter gekommen und die Idee von Claudia war einfach perfekt.

Wir suchten nach alten Reiseunterlagen. Fanden aber keine und so saßen wir am Abend vor dem Computer und durchsuchten alle Inseln im Atlantischen Ozean. Stunden vergingen bis wir zum Chinijo-Archipel kamen. Nur dort gab es eine Insel mit Steilküste und einer einsamen Bucht deren Strand hellen Sand hatte. Schnell waren wir uns einig, dass die Bucht auf dieser Insel, die Gesuchte sein musste.

Am nächsten Tag suchten wir ein Reisebüro auf und buchten einen Flug und eine Fähre zum Chinijo-Archipel. Zwei Wochen später begann unsere Reise. Der Flug verlief ruhig, die Überfahrt mit der Fähre eher abenteuerlich. Mit Übelkeit betraten Claudia und ich die Isla Graciosa, die Insel des Liebreizes. Im Hauptort fanden wir eine Autovermietung, die uns einen Geländewagen vermietete. Wir zeigten dem Patron das Foto mit der Bucht und dem Palmenhain. Er nickte und zeigte in nördliche Richtung. Aber dann zeigte er auf den Wagen und schüttelte den Kopf was soviel bedeutete, mit dem Auto nicht zu erreichen. Aber das wusste ich ja bereits aus den Erzählungen meiner Eltern. Die Bucht sei nur zu Fuß zu erreichen. Wir besorgten uns noch Wasser und etwas Obst und dann fuhren Claudia und ich los. Wir erreichten die Steilküste im Norden nach etwa zweieinhalb Stunden Fahrt. Die Strecke war wirklich schwer befahrbar gewesen, aber ein fantastischer Blick von der Klippe auf das Meer entschädigte uns. Die Sonne brannte auf uns herab. Vorsichtig fuhren wir im Gelände weiter. Nach einer weiteren Stunde erreichten wir einen Aussichtspunkt. Ein mit weißer Farbe bepinseltes Schild informierte uns über den »Mirador, barranco de afección« und ein kleiner Pfeil zeigte auf einen Trampelpfad. Unter dem Pfeil stand klein und verwittert geschrieben »Para la playa, dos horas. Estar alerta!«. Claudia und ich schauten uns an. Sollte es hier zur gesuchten Bucht gehen? Sicher waren wir uns nicht. Doch die Abenteuerlust hatte uns gepackt. Festes Schuhwerk hatten wir an den Füßen und unsere Rucksäcke waren mit Proviant und der notwendigen Wanderausstattung gut gefüllt.

Claudias Augen leuchteten und sie sagte zu mir: »Jetzt oder nie. Ist doch egal was wir finden, ein Abenteuer ist es schon jetzt. Also was ist?«
Ich sagte: »OK, vamos«.

bewaldeter BarrancoWir schlossen den Wagen ab, schulterten die Rucksäcke und folgten dem Pfeil. Ein schmaler Pfad führte uns in die Schlucht. Immer tiefer drangen wir in einen unwegsamen Wald. Der Weg führte uns stetig bergab. Wir stapften an dornigen Stäuchern vorbei, stiegen über umgestürzte Baumstämme und mussten mächtige Farnfächer zur Seite schieben. Wir kamen an einen schmalen Fluß. Der Pfad führt an ihm entlang. Wadentief sanken wir in der matschigen Uferzone ein. Um an der gegenüberliegenden Seite wieder dem Pfad folgen zu können, mussten wir den Fluß durchqueren. Knietief stiefelten wir durch das lauwarme Wasser. Der Uferzonenschlamm wurde uns von den Jeans gewaschen. Die Luft war schwül und feucht. Nebel hing in der Luft. Unsere Kleidung klebte an unseren Körpern. Das meine Eltern seinerzeit diesen Weg gegangen sein sollten, dass konnte ich mir nicht vorstellen. Und doch, wenn es der Weg zu ihrer so geheimnisvollen Bucht war, dann musste es wohl so gewesen sein.

Nach knapp zwei Stunden hörten Claudia und ich das Meer rauschen. Die Wildnis wurde lichter und nach und nach wurde der Boden sandiger. Das Schild hatte recht behalten. Wir standen in einer Bucht. Vor uns das Meer und hinter uns eine steile Felswand. Erschöpft setzten wir uns in den weißen Sand. Wir hatten Sabubu gefunden und ich konnte meine Eltern verstehen. Dieser Ort hatte etwas geheimnisvolles. Claudia drehte sich zu mir, umarmte und küsste mich. Dann sagte sie: »Es ist wunderschön hier. Ich kann nachvollziehen, dass deine Eltern, das hier für sich behalten haben.«

Sie stand auf, zog sich die verschwitzten und verdreckten Sachen aus und lief nackt zum Meer. Ich schaute ihr nach und dachte an meine Eltern und an die Bilder im Fotoalbum. Claudia rief mich. Sie sagte: »Komm schon, dass Wasser ist herrlich und gar nicht kalt.«

Schnell hatte auch ich meine Sachen ausgezogen und war ihr ins Wasser gefolgt. Wir schwammen auf den Wellen, tauchten unter ihnen hindurch und liebten uns anschließend im seichten Wasser am Strand. Als die Sonne sich senkte, machten wir uns auf den Rückweg. Wir blieben eine Woche auf der Insel des Liebreizes und besuchten noch zweimal Sabubu.

Noch im gleichen Jahr heirateten Claudia und ich und unser erstes Kind erhielt zu seinem Nachnamen Buchs die Vornamen Sally Burga.

aw/04-2010