Türchentage
Als ich erwachte, wurde mir klar, dass sich etwas verändert hatte. Diese Veränderung würde einen geistigen Mord nach sich ziehen. So wie es bislang war, wird es ab jetzt nicht mehr sein.
Ich heiße Michael Klober und ich wohne bei meiner Mutter. Mein Vater verließ uns, als ich zehn war. Jetzt bin ich siebzehn Jahre und zwei Monate alt. Es ist Sonntagmorgen, wir haben den zweiten Advent und neben mir liegt Jennifer. Das schönste Mädchen der Welt.
Ich war mit ihr im Kino gewesen. Mutter hatte mir die Spätvorstellung erlaubt. Sie war zwar nicht begeistert gewesen, aber so kurz vor Weihnachten hatte sie mir, einem fast Achtzehnjährigen, doch nichts in den Weg stellen wollen. Ich sollte nur leise sein, wenn ich wieder nach Hause käme. Sie würde früh schlafen gehen.
Vom Film habe ich kaum etwas mitbekommen. Zu sehr waren Jennifer und ich beschäftigt gewesen. Als der Film zu Ende war, sind wir, so wie wir es verabredet hatten, zu mir gegangen. Jetzt liegt sie hier in meinem Bett und sie trägt mein graues Lieblings-T-Shirt. Ich bin immer noch nackt. Wir hatten in der letzten Nacht unser erstes Mal.
Ich schließe die Augen und genieße die Situation. Jennifer schläft tief und fest neben mir. Ihr Atem ist ruhig und gleichmäßig. Es ist schön, sie ist schön und das was wir gemacht haben, war noch viel schöner.
Doch schon muss ich an meine Mutter denken. Sie wird ausflippen wenn sie in mein Zimmer kommt und Jennifer neben mir liegen sieht. Sie weiß nämlich von Jennifer noch gar nichts. Irgendwie ist es mir bislang nicht gelungen, ihr von Jennifer zu erzählen und wenn ich darüber nachdenke, dann habe ich das auch nie wirklich gewollt. Ihre Fragen wären unendlich gewesen. Sie zu beantworten, dass wollte ich nicht. Seit Vater weg ist, bin ich ihr Liebling, ihr Ein und Alles. Vielleicht wäre es besser, die Tür abzuschließen. Mutter kommt nämlich jeden Morgen in mein Zimmer, um mich zu wecken. Gerade jetzt in der Adventszeit macht sie das besonders intensiv. Oh, wie ich die Adventszeit hasse. Aber für meine Mutter ist die Adventszeit eine ganz besondere Zeit. Es sind ihre Türchen-Tage, in denen sie die Wohnung auf den Kopf stellt und alles umdekoriert.
Es ist ihre Zeit der vierundzwanzig Türchen und ich bin derjenige, der jeden Tag ein Türchen öffnen muss. Sie kommt mit übertriebener Fröhlichkeit in mein Zimmer gestürmt und ruft:
»Michi, es ist wieder ein neuer Türchentag da.«
Dann drückt sie mir einen Kuss auf die Stirn und zieht mir die Decke weg. Ich verdrehe die Augen, weil ich nicht mehr Michi genannt werden will und ziehe die Decke über meinen Kopf. Meine Mutter versteht nicht, dass ich lieber mit meinem richtigen Namen gerufen werden möchte. Den Michi, den sie einmal kannte, den gibt es schon lange nicht mehr. Sie aber lässt nicht locker. Ich muss aufstehen, ihr in die Küche folgen, dort am fast ein Quadratmeter großen Teddybären-Adventskalender ein neues Türchen öffnen, die nette Kleinigkeit bestaunen, mich freuen und in das Gesicht einer glücklichen Mama schauen. Dabei steht vor ihr nicht mehr Michi, sondern Michael ein junger Mann.
Seit Vater gegangen ist, macht sie das und von Jahr zu Jahr wird es schlimmer. Anfangs fand ich das schön. Aber in der Art wie sie es jetzt tut, ist es nur schrecklich.
Mitte November muss ich ihr die Kisten mit der Weihnachtsdekoration aus dem Keller heraufholen. Dann beginnt sie die Wohnung weihnachtlich herzurichten. Tatsächlich wird die Wohnung zu einem Kitschmuseum. Die Türen werden mit künstlichem Ilex umrahmt. Die Bodenvase wird mit Tannenzweigen und überdimensionalen Samtchriststernblüten bestückt. Auf jeder Fensterbank steht ein Schwippbogen und zusätzlich hängen vor den Fenstern bunte Kugeln oder Strohsterne. Auch meine Fensterbank kommt ein Beleuchtungselement und ein Schneemannbild wird ans Fenster geklebt. Überall in der Wohnung stehen, liegen, sitzen oder hocken Engelchen. Räuchermännchen und Nussknacker stehen in Gruppen im Wohnzimmer. Rote Schleifen zieren die Gardinen. Interessant ist, dass meine Mutter dabei überhaupt nicht in Stress gerät. Seelenruhig beginnt sie mit den Dekoarbeiten, kauft ein, schmückt hier und da noch etwas nach und kein Tag vergeht, wo nicht etwas verändert wird.
Ich, als ihr kleiner Michi, muss dann immer alles bestaunen, was mir immer schwerer fällt. Das ist mir alles viel zu viel. Aber für meine Mutter würde eine Welt zusammenbrechen, wenn der Ablauf der Adventswochen anders verlaufen würde.
In diesem Jahr aber, wird genau diese Welt zusammenbrechen und zwar heute. Heute am zweiten Adventssonntag. Ich werde die Tür nicht abschließen. Soll sie mich doch mit Jennifer erwischen. Was ist schon dabei. Ich bin jetzt ein Mann und kein kleines Kind mehr. Die Nacht zum zweiten Advent hat vieles verändert. Ob ihr das nun passt oder nicht. Ich werde heute nicht hinter ihr hertraben und ein neues Türchen öffnen. Ich werde mich Jennifer zudrehen und so tun als würde ich noch schlafen. Sie soll ruhig meinen nackten Hintern sehen. Vielleicht wird ihr dann klar, dass Michi schon länger nicht mehr da ist.
Ich höre sie in der Küche. Die Geräusche verraten, dass sie das Frühstück vorbereitet und den Tisch deckt. Ich schaue auf die Uhr und bemerke, dass Jennifer wach wird. Sie lächelt mich an. Ich küsse sie zärtlich auf die Stirn. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern und Mutter kommt mit dem üblichen Spruch ins Zimmer. Ich drehe mich Jennifer zu und streichele ihr über den Bauch. Sie kuschelt sich an mich. Mutter wird entsetzt sein, wenn sie uns hier findet. Irgendwie freue ich mich darauf. Heute findet in dieser Wohnung ein geistiger Mord statt. Jennifer krault mir die Haare. Das fühlt sich gut an. Ich küsse sie auf den Mund. Ich höre Schritte. Gleich ist es soweit. Sie wird die Tür öffnen und ... ... ...
Es klopft. Was ist jetzt los? Das hat sie noch nie gemacht. Ich lausche. Sie steht vor der Tür.
Ich brumme ein »Hmm«.
Sie sagt: »Michael, das Frühstück ist gleich fertig. Falls ihr noch duschen möchtet? Frische Handtücher liegen am Badewannenrand.«


